Eine weitere, häufig wiederkehrende Frage lautet: „Was meint ihr eigentlich genau mit Mindfuck?“ Das möchten wir heute beantworten.

 

Lasst die Quellen sprechen

Schauen wir uns zunächst eine Quelle an, deren Name schon vielversprechend klingt: http://www.mindfuck-stories.de/was-ist-mindfuck/

„Was ist Mindfuck?
Mindfuck: Wahrscheinlich ist Ihnen dieses Wort irgendwo zwischen Videothek und Internet schon mal begegnet. Doch was genau ist das eigentlich, ein Mindfuck? – zumindest kein literarischer Begriff, schon gar nicht die Bezeichnung für ein Genre.

Sprachwissenschaftlich gesehen, lässt sich das Kompositum vom umgangssprachlichen, selten benutzten “to fuck with somebody´s mind/brain” zurückführen, was so viel bedeutet, wie “jemanden manipulieren”. Manipulation gehört zwar zum Mindfuck, ist jedoch lediglich die Vorarbeit, um einen solchen auszulösen. Außerdem spricht man von Mindfuck immer auch im Kontext eines Unterhaltungsmediums.

Mindfuck ist demnach ein Effekt, hervorgerufen durch eine völlig unerwartete und überwältigende Wendung in einer Handlung.

Anfang der 2000er Jahre, nachdem Filme wie The Sixth Sense, Fight Club oder Mulholland Drive Kinobesucher in gleichem Maße fasziniert wie ungläubig in den Sesseln zurückgelassen hatten, tauchte der Begriff in amerikanischen Filmforen auf. Eine geeignete deutsche Übersetzung gibt es nicht. Kopfverdreher klingt zwar weniger vulgär, wird dem Effekt aber nicht gerecht.

In den letzten Jahren kursieren in sozialen Netzwerken auch Fotos und Bilder mit der Etikette Mindfuck. Kuriose und versteckte Details fallen hier erst auf den zweiten oder dritten Blick auf und sorgen somit für Überraschung.

Bisher aber hat sich der Begriff weitestgehend nur für eine bestimmte Machart von Filmen etabliert.“

 

Auch sehr aufschlussreich ist dieser kleine Teil-Artikel auf Wikipedia zum Thema Mindfuck: (https://de.wikipedia.org/wiki/Simulierte_Realit%C3%A4t#Mindfuck)

 

„Thematisch stark verwandt mit simulierter Realität ist der sogenannte Mindfuck. Dabei wird eine als „wahr“, „real“ und „gegeben“ akzeptierte Realität aufgebrochen, und es werden völlig neue Grundmanifeste geprägt. Diese erzeugen eine kognitive Dissonanz, die in der Kunst oft absichtlich hervorgerufen wird. Die unter Immersion und virtueller Realität genannten Beispiele in Literatur und Film überlappen sich stark, obwohl der Ursprungskontext der Begriffe jeweils ein anderer ist.

Arno Meteling bemüht zur Definition des als Mindfuck bekannten Effektes in der Analyse des filmischen Werkes von Miike Takashi den Begriff „quid“ des Philosophen und Kunsttheoretikers Jean-François Lyotard, als „filmisches Ereignis, eine Plötzlichkeit, die sich dem Erzählfluss der Diegese eines Films so dermaßen widersetzt, dass der Zuschauer gewaltsam erschüttert und überwältigt zurückgelassen wird, dass er den Film nicht mehr als geschlossene Struktur wahrnehmen kann.“

 

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Auf den Spuren der geheimen Geschichte

Mindfuck ist nach der Meinung dieser Quellen also vor allem das Unvorhergesehene, das beinahe gewalttätig klassische Erzählmuster aufbricht oder völlig unerwartete Wendungen in der Handlung hervorbringt. Für uns ist das ein enorm wichtiger Punkt, denn die Geschichten in Shattered Prophecy leben von bahnbrechenden Veränderungen und überwältigenden „AHA!“-Effekten. Die gesamte Verzahnung von Spielweise und Regelwerk sind auf die regelrechte Produktion dieser Erzählphänomene ausgelegt und tragen maßgeblich zum Spaßfaktor des Spiels bei. Denn in Shattered Prophecy geht es nicht nur darum, in die Haut eines Helden zu schlüpfen und diesen durch Agryppa zu navigieren, sondern auch darum, die Geschichte zu verstehen, Zusammenhänge zwischen scheinbar zusammenhanglosen Ereignissen aufzudecken und geheime Regeln zu finden, denen die Welt zu folgen scheint.

Insofern sind die Spieler auch gleichzeitig „Publikum“, die wie Detektive nicht nur ihre Charaktere, sondern die gesamte Handlung einer Serie analysieren und diskutieren.

Dazu befragt meint der Leaddesigner und Erzähler Maurizio:

„Nicht selten kommt es vor, dass ich nach einem Spielabend meine Spieler noch stundenlang über mögliche Bedeutungen von Szenen diskutieren höre und nur wenig erfüllt mich mit größerer Freude, als ihren Theorien zu den möglichen Entwicklungen der Handlung zu lauschen. Der Mindfuck-Ansatz hat natürlich auch Inspirationsquellen. Für mich spielten mit Sicherheit die Filme von David Lynch eine große Rolle. Für diejenigen, die ihn nicht kennen, kann ich nur Mulholland Drive oder Lost Highway als Einstieg in seine Filmwelt empfehlen. Aber natürlich hat mich auch Lovecrafts Fear of the Unknown und später dann TV-Serien wie Lost, Carnivale, Twin Peaks oder neuerdings auch Westworld inspiriert, dieses außergewöhnliche Phänomen in ein Rollenspielformat umzusetzen.“

 

Unser Ansatz ist insofern einzigartig, als dass wir alle Elemente unseres Spiels auf die Erzählstruktur moderner TV-Serien und dem Zustandekommen eben jener Mindfuck-Elemente ausgelegt haben. Shattered Prophecy stellt daher hinsichtlich des Leitens ganz andere Anforderungen als andere Rollenspielsysteme, da die Erzähler viele ihrer ursprünglichen Aufgaben abgeben. Zum Beispiel werden fast alle handlungsrelevanten NSC ausschließlich von Spielern gespielt. Es ist nicht so, dass der Erzähler währenddessen Däumchen dreht, ganz im Gegenteil: Seine Aufgabe ist es, die Handlung zu beobachten, stets neue Verbindungen zu anderen Handlung zu finden und durch geschickte Regieanweisungen und Szenerien die vorhin erwähnten „AHA!“-Effekte vorzubereiten. Es ist ein unglaublich befriedigendes Gefühl, wenn eine subtil geplante Handlungswendung aufgeht und den Spielern die Kinnlade auf den Tisch fällt.

 

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Die drei Säulen des Mindfuck in Shattered Prophecy

Was bedeutet nun Mindfuck bei unserem Rollenspiel genau? Für unser Spiel besteht es aus drei Aspekten:

  1. Eine von völlig unerwarteten Handlungswendungen gekennzeichnete Erzählweise

Diese wird durch die „Ensemble-Struktur“ (ein Spieler, mehrere Charaktere) erzeugt. Unser ganzes Regelwerk und Setting sind auf komplexe Erzählungen mit mehreren handelnden Personen ausgelegt, was sehr hilfreich ist, um die „AHA!“-Momente bei Spielern auszulösen. Es gibt für einen Spielleiter kaum etwas Befriedigenderes, als die verblüfften Gesichter seiner Spieler zu sehen, wenn diese während ihrer eigenen Handlungen bemerken, dass alles, was sie für wahr hielten, falsch ist. Oder wenn die beiden Charaktere, die Kontinente entfernt voneinander agieren und scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben, plötzlich eine Verbindung bekommen und diese seltsam komplexe Geschichte auf einmal einen tieferen Sinn ergibt.

  1. Horror.

Mindfuck ist für uns auch mit dem Gefühl des Unheimlichen verbunden. Das Paranormale in Shattered Prophecy ist gewalttätig, ekelerregend und künstlerisch schön zugleich. Szenen können sowohl vom Schauplatz als auch von der Handlung und den darin vorkommenden Charakteren her völlig fremdartig und anstrengend für den Magen sein. Ziel ist es, den Kontakt zum Paranormalen einzigartig zu machen. Der Erzähler bricht nicht nur die Regeln des Settings, sondern auch des Erzählens – zum Beispiel, dass eine Szene auf eine andere in zeitlich verkehrter Reihenfolge folgt. Mindfuck ist aber auch das Unerklärliche am Horror. Das Paranormale ist wie ein Mythos, es hat seine eigenen Symbole und verdrehte Facetten. Spieler können unendlich viele Geheimnisse ergründen und stets eine neue Frage beantwortet bekommen, nur um noch vor weitere Fragen gestellt zu sein.

 

  1. Unkonventioneller Genremix

Das Prinzip paralleler Dimensionen, Zeitreisen, Klone und verworrene Astronomie sorgen für ein Gefühl der Ungewissheit. Diese Dinge bringen eine ganz markante Phantastik in das Setting, das Lust darauf macht, seine Regeln zu verstehen. Die einzelnen Elemente sorgen für atemberaubende Erzählstränge, deren Ebenen sich wie im Film Inception ineinander winden.

 

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Die Dosierung macht das Gift

Diese Elemente gehören natürlich wohldosiert und zielgerichtet eingesetzt, aber genau dafür hat der Erzähler, der hier mehr Regisseur als Spielleiter ist, durch die Ausgestaltung unseres Regelwerks auch die kognitive Kapazität übrig. Wir geben euch die Werkzeuge und die Zeit, um anders auf Szenen einzuwirken zu können, als man es als Erzähler sonst gewohnt ist.

Das Schöne ist jedoch, dass Mindfuck sich durch alle Aspekte des Spiels zieht. Erzähler sind nicht genötigt, ihre Spieler von einem Horror in den nächsten zu schicken, sondern können Mindfuck ganz unterschiedlich erzielen: Ob wendungsreiche politische Intrige, Furcht einflößender Horror oder seltsame Zeit- und Raumverschiebungen – sie alle sind Teil des Erlebnisses und diese Vielfalt sorgt für großartige Abwechslung.

Somit ist Mindfuck für uns vor allem eins: Die Spieler kunstvoll mit Elementen zu konfrontieren, mit denen sie nicht gerechnet haben und dafür zu sorgen, dass deren Erkenntnis einerseits eine nachvollziehbarere Ordnung in die erzählte Handlung und andererseits Chaos in das Leben ihrer Charaktere bringt.

Über den Autor

Maurizio ist Marketingmanager, Hobbyfotograf und leidenschaftlicher Spielleiter. Er arbeitet als Leaddesigner an Shattered Prophecy und ist für die Entwicklung, das Design und die Vermarktung des Spiels verantwortlich. In Köln geboren und aufgewachsen studierte er dort Wirtschaftspsychologie, Germanistik, Philosophie und Game Design sowie Marketing- und Medienmanagement in Düsseldorf. Gemeinsam mit Djordje Atlialp gründete er Digilogue Studios, um innovative Rollen-, Karten- und Brettspiele mit "smarter" Unterstützung zu entwickeln. Seine Vorliebe für düstere Settings, David Lynch-Filme und H.P. Lovecraft haben ihn maßgeblich in seinen Werken inspiriert.

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