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Detective Andrew Dillinger stieg missmutig aus der Peacekeeper-Kutsche und sog die kühle Luft eines viel zu frühen Morgens ein. Seufzend rieb sich der in die Jahre gekommene Ermittler den Nacken. Er hatte gehofft, dass er an einem Sonntag von der Arbeit verschont blieb, diese Hoffnung wurde jedoch vor einer halben Stunde von einem sehr lauten und hartnäckigen Boten seines Partners zunichtegemacht.

Nun stand er hier in einer heruntergekommenen Straße des Stadtteil Valisbeurg der Bundes- Hauptstadt Merina. Die Mehrparteienhäuser bildeten eine geschlossene Front, die die Straße von beiden Seiten wie die Wände einer Schlucht umgaben. Wäscheleinen waren über die Kluft gespannt und fast alle Fenster waren verhangen. Es war ruhig bis auf das Gemurmel einer kleinen Gruppe Ordnungshüter, sogenannte Peacekeeper, die rauchend und unmotiviert am Hauseingang Nummer 15 standen.

Dillinger ging mit schnellen Schritten auf sie zu. Einige der Beamten nahmen so etwas wie Haltung an und ließen hastig ihre Zigaretten auf den Boden fallen. Diejenigen, die den Detective vom Valisbeurg-Dezernat kannten, bedachten ihre Kollegen mit höhnischem Gelächter und machten, Dillinger zunickend, den Weg frei.

Das Treppenhaus wurde nur schwach von einem fahlen Licht erhellt, die wenigen Fenster waren schmierig und die meisten Laternen schon lange erloschen. Andrew konnte im Stockwerk über ihm Stimmen hören und ging über die ausgetretenen Stufen nach oben.

Als er die offene Wohnungstür im zweiten Stock erreichte, konnte er seinen Partner Paul Williams hören, der mit routiniertem Ton die Männer der Spurensicherung anwies. Williams war einer vom alten Schlag, wie man so schön sagte, ein Veteran der Straße. Obwohl er kein Detective, ja noch nicht einmal ein Constable war, behandelte ihn jeder wie einen Vorgesetzten. Soviel Diensterfahrung gebietet nun einmal Respekt, dachte Dillinger.

Die Wohnung war karg, aber sauber und aufgeräumt. Ein typisches Bild für Leute, die aus der Armut heraus das Wenige, das sie hatten, so sauber und ordentlich wie möglich hielten. Er schritt den schmalen Flur entlang und schob sich an einigen Beamten vorbei, die gerade Kisten und Ausrüstung aus der Wohnung trugen. Dillinger folgte dem Bariton seines Partners und fand diesen in der Küche. Er sprach gerade mit einem Mitglied der Spurensicherung und gestikulierte abgehackt, während er zwischendurch aus einem dampfenden Becher trank.

„Andrew, na endlich!“, rief er und griff nach einem zweiten Becher auf der Theke. Der Mann von der Spurensicherung nickte Dillinger kurz zu und zwängte sich dann an ihm vorbei. Williams drückte seinem Partner den Kaffee in die Hand.

„Ist nicht der beste, aber er ist stark“, sagte er versöhnlich, wohl wissend, dass er seinem Partner an einem Sonntagmorgen einen der wohl aufdringlichsten Boten des Dezernats geschickt hatte. Dillinger nickte und nahm einen großzügigen Schluck.

„Was gab es so Wichtiges, dass du mir diesen Leroy nach Hause geschickt hast?“ fragte er und  schaute sich verdrießlich in der Küche um.

„Im Wohnzimmer.“ Williams nickte in Richtung Tür. Dillinger schwante schon, dass er sich von diesem Sonntag verabschieden konnte. Wenn sein Partner sich so ominös verhielt, handelte es sich meist um viel Arbeit. Er ließ den bulligen Haudegen vorgehen und leerte beim Verlassen der kleinen Küche eilig den Becher.

Als er das Wohnzimmer betreten wollte, blieb er abrupt in der Tür stehen.

„Hector Stoch, 42, ehemaliges Mitglied der Ermittlungsgruppe 6 und…“

„.. und vor acht Jahren für tot erklärt“, fiel er Williams ins Wort. Stoch hing an einem Strick in der Mitte des Raums. Sein Genick war grotesk abgewinkelt und die blutunterlaufenen Augen starrten an Dillinger vorbei in den Raum. Er war kräftig gebaut und trug abgetragene, zum Teil zerrissene Kleidung. Er sieht fast genauso aus wie auf den Zeitungsbildern von damals, dachte Dillinger.

Langsam durchquerte er den Raum und musterte den Toten ungläubig.

„Wie kann das sein?“, fragte er schließlich.

„Wir wissen es nicht. Dies ist die Wohnung seiner Exfrau, sie ist vor einigen Jahren von Idlefield hierhergezogen.“

Dillinger betrachtete die Kleidung. Sie wirkte alt und ausgebleicht. „Wo ist sie jetzt?“

„Ich habe sie aufs Dezernat bringen lassen, da wird sie momentan betreut. Hat schon vor Sonnenaufgang das Haus verlassen, um einer der ersten am Fischmarkt zu sein. Vor etwa zwei Stunden ist sie wiedergekommen und fand ihn so hier vor. Hat den Schock ihres Lebens bekommen. Wahrscheinlich wird mehr als unser Seelsorger nötig sein, um das hier zu verarbeiten.“

Dillinger nickte nachdenklich.

„Keine Anzeichen für einen Einbruch oder einen Kampf, niemand hat ihn gesehen.“ An einem Sonntag in diesem Viertel war das für den Ermittler keine große Überraschung.

„Weißt du noch, was das damals für einen Tumult um die Gruppe 6 war?“, fragte Williams.

„Natürlich“, murmelte Dillinger und verzog das Gesicht.

„Sieben Jahre muss das schon her sein.“ Williams nickte.

„Mit Stoch sind es jetzt wohl zwei von diesen armen Teufeln, die es aus dem Kaff geschafft haben.“

„Du meinst Eidahof“, vervollständigte Dillinger seinen Partner geistesabwesend.

„Genau. Von ihm werden wir wohl auch nicht mehr erfahren, was da unten passiert ist.“

Für eine kurze Weile war es still, so dass Dillinger den Raum etwas genauer betrachten konnte. Er war ebenso spärlich möbliert wie der Rest der Wohnung, es hingen noch nicht einmal Bilder an der Wand. Dann stutzte er und schaute zu seinem Partner, der ihm wissend zunickte.

„Wie hat er es gemacht?“

„Genau das haben sich die anderen auch schon gefragt. Hier gibt es nichts, was in Frage käme.“ Williams schaute nachdenklich an die Decke. Dillinger folgte ratlos seinem Blick. Der Strick war an einem der Querbalken an der Decke festgeknotet. Der Raum war über drei Meter hoch und die wenigen niedrigen Möbel im Raum hätten nie ausgereicht, um den Strick an den Balken zu binden.

„Das ist nicht einmal das Seltsamste.“ Williams reichte Dillinger ein Stück Papier.

„Das hat er in der Hand gehabt. Sagt es dir irgendetwas?“ Dillinger betrachtete es. Der kleine zerknitterte Fetzen zeigte die krude Zeichnung eines Menschen. Dort, wo das Herz war, war ein großer schwarzer Punkt gekritzelt.

„Nein, es ist kein Gangsymbol, oder zumindest keins, das ich kenne.“

„Es wurde auf jeden Fall damit gemacht.“ Williams zeigte auf einen Schreibblock, der auf dem abgewetzten Tisch in der Ecke des Raumes stand. Grauschwarzer Staub von mehreren Bleistiften bedeckte die kleine Tischplatte.

„Seine Hände sind sauber gewesen, als wir ihn gefunden haben. Deswegen habe ich nach Kampfspuren suchen lassen.“ Dillinger schüttelte langsam den Kopf.

„Was geht hier vor?“, meinte er und musterte den kleinen Zettel erneut.

„Ich weiß es nicht. Aber was es auch immer ist, es scheint wesentlich komplizierter zu sein als Exmann taucht nach Jahren wieder auf und begeht Selbstmord.“ Williams fuhr sich resigniert durch das schüttere Haar.

„Ich glaube, ich weiß, wer uns vielleicht was sagen kann.“

„Meinst du diesen Irren, der die Eidahof-Sache überlebt hat?“ Williams sah seinen Partner skeptisch an.

„Samuel Loid, ja. Er ist im Blackwood, wenn ich mich nicht irre.“

„Glaubst du, aus dem bekommst du noch was raus? Die Zeitungen haben damals geschrieben, dass er nicht einmal seinen eigenen Namen wusste!“ Williams winkte ab.

„Es ist einen Versuch wert. Vielleicht hat er sich über die Jahre etwas gefangen.“

„Na schön. Das darfst du aber selbst erledigen, in das verdammte Blackwood kriegen mich keine zehn Pferde. Ich warte hier, bis der Bergungstrupp kommt, die Jungs schlafen immer etwas länger.“ Dillinger nickte und verließ den Raum mit schnellen Schritten.

„Ich halte dich auf dem Laufenden!“, rief er noch, was Williams mit einem flapsigen „Ja, ja“ quittierte.

Draußen wartete die Kutsche der Peacekeeper. Als Dillinger aus dem Haus kam, trat der Fahrer gerade eine Zigarette aus und schwang sich auf den Bock.

„Zum Blackwood Mental Institute!“, rief er dem Kutscher zu, als er die Tür öffnete. Die Kutsche ruckte los und machte sich auf den Weg zum bergigen Blackwood, das eine halbe Stunde außerhalb der Stadt lag.

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